Der Abe - Wernges

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Der Abe

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Der Abe
Der folgende Beitrag ist für sensible Menschen nicht geeignet.

In meiner Kindheit (um 1950) gab es in Wernges (auch in den Nachbardörfern) keine WCs. Wernges bekam ja erst 1953 eine Wasserleitung. Man hatte einen Abe (von Abort oder Abtritt). Das war ein Plumpsklo außerhalb des Wohnhauses.


Die Konstruktion war einfach. Man brauchte eine Grube. Darüber war ein kleines Häuschen mit einem Sitzplatz. Der hölzerne Sitzplatz (auch Donnerbalken genannt) hatte an der entscheidenden Stelle ein Loch. Die Funktionsweise beruhte im Wesentlichen auf dem Gesetz des freien Falles. Für die erforderliche Durchlüftung sorgte ein Herzchen in der Tür.

Die Inneneinrichtung bestand aus einem Nagel, auf dem in handliche Größen geschnittenes Zeitungspapier aufgespießt wurde. Für den Betrieb zur Nachtzeit hatte unser Abe eine Kerze und ein Päckchen Streichhölzer. Etwas komfortabler eingerichteten Anlagen (s. links) hatten auch einen Klodeckel.  

Bei geeigneter Außentemperatur konnte eine Sitzung durchaus gemütlich und dementsprechend auch etwas länger sein. An den Geruch gewöhnte man sich schnell und nahm ihn dann nicht mehr wahr. Das Klopapier diente als Lesestoff.
Im Vergleich mit heutigen WCs hatten die Häuschen zugegebenermaßen  doch einige konstruktionsbedingte Nachteile.
Besonders im Sommer wimmelte es dort von Fliegen. Diese ließen sich bevorzugt auf den entblößten Körperstellen nieder und erschwerten durch ihr Krabbeln einen ruhigen und entspannten Ablauf der wichtigen Körperfunktion.
Hinzu kam, dass bei jedem freien Fall, die im unteren Bereich der Grube befindlichen Insekten aufgeschreckt wurden und zielstrebig zum Licht schwirrten. Das war die Stelle, wo man saß.
Ein physikalisches Phänomen war ebenfalls etwas unangenehm. Fällt z. B. ein Stein senkrecht ins Wasser, so streben Spritzer in entgegengesetzter Richtung nach oben. Diesen Vorgang konnte man oft spürbar auf dem Abe wahrnehmen.

Im Winter überlegte man sich gut, ob man wirklich musste. Weicheier, die es damals schon gab (natürlich nicht so viele wie heute), benutzten doch lieber den Nachttopf, der dann bis zum Morgen unter dem Bett stand.
Auf dem Bauernhof hatte man den Vorteil, dass man auch in den schön warmen Kuhstall gehen konnte. Die kleine Hinterlassenschaft fiel bei den von den Kühen produzierten Portionen kaum ins Gewicht.
Bei dem kleinen Geschäft waren die Männer (und mutige Frauen) im Vorteil. Das erledigte man schnell und einfach im Freien.
Bleibt noch die Frage: Wie hielt man es mit dem Händewaschen?
Hierzu ein Hinweis: Wasser war wertvoll und durfte nicht für überflüssige Dinge verschwendet werden.

Noch ein Nachtrag
Bis zu den Sechzigern schafften die Werngeser  sich dann alle Badezimmer mit WCs an. Was allerdings nicht bedeutete, dass diese auch benutzt wurden. Es wird glaubhaft berichtet, dass Abe und Zinkbadewanne bei einigen weiterhin im Gebrauch waren.

Aus Gewohnheit,
weil man sich nicht umstellen konnte,
weil man weiterhin Wasser sparen wollte?
Alles ist denkbar.

 
 
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