Soldaten im Krieg - Wernges

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Soldaten im Krieg

Geschichte > 2. Weltkrieg


Soldaten im Krieg
In Wernges gibt es niemanden mehr, der als Soldat den Krieg erlebt hat und davon berichten kann. Mein Vater war als Frontsoldat in Russland mehrmals verwundet worden. Aber er hat nur wenig von dieser Zeit berichtet. Im Unterschied zu anderen, die gern und viel „vom Krieg“ erzählten, waren seine wenigen Aussagen sehr sachlich.
In den ersten Monaten des Krieges gegen die Sowjetunion hat er erlebt, dass die Wehrmacht den schlecht ausgerüsteten russischen Soldaten deutlich überlegen war.

Der Vormarsch ging zügig voran und der „Iwan“ war kein ernst zu nehmender Gegner. Das änderte sich im Laufe des Krieges. Der Vormarsch verlangsamte sich und dann begann der Rückzug.
Mein Vater berichtete, dass in einem Unterstand ein Kamerad vermutlich von Albträumen geplagt wurde und im Schlaf laut schrie: „Der Iwan kommt!“  Alle sprangen auf und waren in Panik. Die russischen Soldaten waren zu gefürchteten und überlegenen  Feinden geworden.

Auf dem Rückzug     2. von links: Heiches Schorsch

Im Lazarett erlebte er, dass einige Salz in ihre Wunden streuten, um so die Heilung zu verzögern und nicht gleich wieder an die Front zu müssen. Soldaten mit einem „Heimatschuss“ wurden beneidet. Ein steifes Knie, der Verlust von Hand oder Fuß , das war schlimm, aber man kam nach Hause und musste nicht mehr an die Front. Manche schossen sich selbst in den Fuß oder in die Hand und riskierten wegen Selbstverstümmlung angeklagt und  hingerichtet zu werden.
Vor einem Gefecht hatte jeder Angst verletzt oder getötet zu werden. Seltsamerweise, so berichtete mein Vater, waren diese Angst und auch andere Gefühle während des Kampfes verschwunden. Selbst  Verwundungen wurden manchmal erst nach dem Gefecht wahrgenommen.



Was ihm half die Zeit an der Front durchzustehen, war seine Fähigkeit an fast jedem Ort, sitzend oder liegend innerhalb von wenigen Minuten einzuschlafen. Selbst in einer Gefechtspause zog er sich den Mantel über den Kopf und konnte schlafen.

Mein Vater (Vordergrund)

Von Möllesch Andres gibt es einen Bericht aus seiner Soldatenzeit in Russland. Mit freundlicher Erlaubnis seines Sohnes M. Möller möchte ich einen Teil davon in die Homepage stellen.

Foto: Die beiden Werngeser Otto (links) und Andres
 

Urlaubsreise in die Heimat (nach Wernges) mit Hindernissen

... Mitte Oktober hatte ich mit Unteroffizier Grohgans einen Sonderauftrag und fuhr zurück nach Kotelnikowo, wo Holz für den Bunkerbau zusammengefahren wurde. Hier erreichte mich das Telegramm aus der Heimat: „Bruder Otto am 16. September gefallen." Das war ein Schock. Als wir mit unserem Diesel, vollbeladen mit Holz, bei der Kompanie ankamen, sprach mir mein Chef sein Beileid aus und fragte mich, ob ich in Urlaub fahren möchte. Ich bat um den nächstmöglichen Urlaubstermin.
Hauptmann R. war inzwischen Abteilungskommandeur geworden und bot mir an, mir seine Kamera zu geben, damit zur 7./15 in den Südteil Stalingrads zu fahren, beim Kompaniechef die Lage des Grabes zu erfragen, dieses zu fotografieren und mit dem Nachlaßgepäck zurückzukommen (Meine Kamera war bei einem Überfall der Russen in der Nähe von Nawlja im Kessel von Brjansk mitsamt meinem ganzen Gepäck verbrannt).
Mit einer 200er DKW, deren Kupplungszug während der Fahrt riß, fuhr ich durch das Artilleriefeuer der Russen zum Chef der 7. Kompanie, der mich in seinen Unterstand zog und mir, nachdem ich mich gemeldet und meinen Wunsch vorgetragen hatte, bereitwillig über die näheren Umstände des Todes meines Bruders und die Lage seines Grabes informierte. Otto war am Getreidesilo durch Kopfschuß gefallen, und sein Grab war da, wo die Bahnlinien von Stalingrad nach Kaiatsch und nach Rostow zusammentreffen. Dort angekommen fand ich drei große Friedhöfe: Die der 14. und 24.PD.und unserer 29.1. D. (mot.). Ich schätze, daß auf unserem Falke-Friedhof „Schafsweide" schon an die 500 Kameraden zur letzten Ruhe gebettet worden waren. Ich machte die zwei Aufnahmen, fuhr zurück und meldete mich bei meinem Kommandeur zurück, der den Film herausnahm und mir den Auftrag gab, ihn in der Heimat während meines Urlaubs entwickeln zu lassen und je einen Abzug bei der Rückkehr mitzubringen.
Der Boden fror inzwischen. Wir gruben uns ein, spannten die Zeltplane über das Deckungsloch und hoben für die Fahrzeuge Frost-und Splitterboxen aus. Vom 19. auf den 20. November weckte uns ungewöhnlich heftiges Artilleriefeuer, und jeder ahnte, daß hier „etwas im Busch" war.

Wir Urlauber sollten entweder am Abend des 20. 11. oder am nächsten Morgen nach Abganerowo gebracht und von dort mit der Eisenbahn weiterbefördert werden. Am Morgen ließ uns der Spieß antreten, und unser Kommandeur gab einen Lagebericht. Der Russe sei im Abschnitt der Rumänen durchgebrochen. Die Gefechtskompanie solle sich zum Einsatz bereitmachen, der Troß vorerst liegenbleiben. Der Hauptfeldwebel fragte: „Und was machen wir mit den Urlaubern?" Als der Chef nach kurzer Überlegung antwortete: „Die lassen wir fahren", atmete ich erleichtert auf. Mit mir elf weitere Urlaubskandidaten der Panzer-Jäger-Abteilung.
Am nächsten Morgen, den 21.11. 42, sollte uns Schütze Hoy mit seinem Beute-GMCan den Bahnhof in Abganerowo bringen, und wir zwölf haben zwischen Hoffen und Bangen kaum geschlafen. Der GMC wurde ab und zu einmal angelassen, damit er auch morgens ansprang. Wir fuhren los, doch etwa fünf Kilometervor unserem Ziel hielt uns die Feldgendarmerie an und fragte nach unserem Ziel. Als wir Abganerowo nannten, winkte er ab: „Das haben die Russen besetzt ..." Eine Gruppe Landser, einige nur mit der Unterhose bekleidet, gab uns einen deutlichen Hinweis auf den Ernst der Lage. Sie erzählten, daß sie der urplötzlich auftauchende Feind aus ihrer Unterkunft vertrieben habe.

Feldgendarm: Zurück zur Einheit
Der Feldgendarm befahl: „Sofort zurück zu Ihrer Einheit!" Ein enttäuschtes Raunen bei uns Zwölf, die wir im Geiste schon bei Mutter waren. Wir riskierten es, statt dessen weiter nach Kotelnikowo zu fahren, die Strecke dahin war mir ja wohlbekannt. Die zwei Unteroffiziere, die in unserer Gruppe waren, erteilten Hoy den Befehl, statt zurück zum Troß zum Abteilungsstab nach Kotelnikowo zu fahren. Ich nahm meinen Platz auf dem rechten vorderen Kotflügel ein, um das Fahrzeug in Richtung Rollbahn zu dirigieren. Unser Benzin ging zu Ende, aber wir hofften, schon irgendwie und irgendwo welches zu bekommen. Kopfschüttelnd passierten wir eine Panzer-Kompanie, die wie im Frieden exerzierte. Mir rutschte die Bemerkung heraus: „Die Russen sind schon in Abganerowo, und hier wird noch exerziert." Ein Offizier, der dies gehört hatte, ließ sich unsere Urlaubsscheine zeigen, und ich handelte mir einen Anschiß wegen Panikmache ein. Unsere Information über die kritische Lage nahm er keineswegs ernst.
Auf der Rollbahn gerieten wir in den rumänischen Rückzug. Mehrere Kolonnen nebeneinander fuhren in unserer Richtung, und die russischen Schlachtflugzeuge hielten mit Bordwaffen und Bomben dazwischen.

Wie gewonnen so zerronnen
Unser Benzin war zu Ende, kein deutscher Soldat weit und breit. Mit Zigaretten und Verpflegung gelang es uns, den Rumänen einen Kanister abzuhandeln. Doch die Erleichterung war nur von kurzer Dauer, denn gerade, als wir den wertvollen Stoff einfüllten, kam ein rumänischer Offizier mit vorgehaltener Maschinenpistole und nahm uns den Kanister wieder ab.
Bis zum Abend ließen wir den Strom der Flüchtenden an uns machtlos vorbeiziehen. Ohne Benzin, nun auch noch ohne einen großen Teil unserer Lebensmittel. Wir diskutierten schon, ob wir uns auf Schusters Rappen nach Kotelnikowo durchschlagen sollten, als uns eine deutsche Kolonne Richtung Abganerowo passierte. Wir waren froh, wieder feldgraue Uniformen zu sehen und tauschten Informationen aus. Nun wußten wir, daß Kotelnikowo feindfrei war, und die anderen, daß die Russen in Abganerowo saßen. Wir bekamen unseren Tank voll Benzin und kamen so glücklich in Kotelnikowo an, wo wir uns bei der Abteilung meldeten. Diese stand in Funkverbindung mit dem Kommandeur, der befahl, daß Hoy am nächsten Morgen mit Post und Verpflegung wieder „nach vorn" kommen, die Urlauber aber auf ihrer Reise in die Heimat nicht aufgehalten werden sollten.

Im offenen Güterwagen nach Brest
Auf einem offenen Güterwagen fuhren wir am anderen Morgen Richtung Rostow, und obwohl wir auf der Lore ein offenes Feuer entfacht hatten, froren wir „wie die Bettnässer". Doch das ertrugen wir leichten Herzens, denn es ging ja nach Hause. Noch vor der allgemeinen Urlaubssperre erreichte unser Zug die Grenzstation Brest.
Von da an ging es „zivilisierter'' zu, und die Freude der Eltern war groß, nach dem Tod meines Bruders nun wenigstens mich für ein paar Wochen in Sicherheit zu wissen.
In Deutschland sah es um diese Zeit mit Material für private Fotoarbeiten schon schlecht aus. So wurde der Film zwar entwickelt, aber Abzüge gab es nicht. Ich gab meinem Vater den Auftrag, zu versuchen, daß er doch irgendwo Abzüge gemacht bekam und die beiden Fotos vom Grab an sich zu nehmen. Den Film und die restlichen Bilder solle er an meinen Kommandeur schicken, dessen Adresse bzw. Feldpostnummer ich ihm gab. Ob sie je dort angekommen sind, weiß ich nicht. Aber ich konnte die Aufnahmen vom Grab in Stalingrad sehen, als ich im Oktober 1943, inzwischen bei der 14./Pz. Gen. Rgt. 15 gelandet, meinen letzten Urlaub hatte. Meine Eltern hatten eine Vergrößerung 30 x 40 cm anfertigen lassen, und dieses Bild hängt heute noch in meinem Zimmer.
Unser „Fluchtwagen" ist am 22. November nicht mehr in den inzwischen gebildeten Kessel gekommen. Mit Hoy bin ich in Italien wieder zusammengetroffen, und wir freuten uns, daß wir dem Untergang unserer Division in Stalingrad entronnen waren. Unserem damaligen Kommandeur, dem inzwischen zum Major beförderten Major R., bin ich noch heute dankbar, daß er uns damals trotz der ernsten Lage mit seiner Unterschrift unter dem Urlaubsschein „freies Geleit" gab.

Gefangenschaft
Endlich war Frieden. Aber viele Werngeser kehrten nicht aus dem Krieg zurück. Sie sind gefallen oder für immer vermisst. Andere waren noch in Gefangenschaft.
Mein Vater war in einem Gefangenenlager in Frankreich, das von den Amerikanern angelegt worden war. Es waren „nur“ 6 Wochen, aber das war schon die Hölle. Keine festen Unterkünfte, nur selbst gegrabene Höhlen und vereinzelte Zeltplanen. Die Verpflegung war zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel. Vor Hunger kochten  Gefangene Gras. Dazu kamen die Demütigungen der Bewacher. Angebissene gut belegte Weißbrote wurden grinsend vor den Stacheldraht geworfen – unerreichbar für die Gefangenen. Ähnlich machten sie es mit angerauchten Zigaretten.
Mit einem der ersten Transporte wurde er entlassen. Für die Heimfahrt im offenen Waggon bekamen sie Verpflegung für mehrere Tage. Die ausgehungerten Männer stürzten sich auf ihren Reiseproviant und verschlangen viel zu viel. Nach wochenlangem Hungern konnte das geschwächte Verdauungssystem diese Mengen nicht verkraften. Die Folgen waren schlimme Brechdurchfälle. Man riss Bretter aus den Waggonböden, um sich entleeren zu können.
Die Bretter benötigte man auch als Schutz, denn auf vielen Brücken standen Franzosen und bewarfen die verhassten Deutschen mit Steinen.
Dabei hatte mein Vater noch Glück. Eigentlich war er immer in Russland gewesen und nur wegen einer Verwundung nach Marburg verlegt worden. So kam er nicht in die gefürchtete russische Gefangenschaft. Man darf allerdings nicht vergessen, dass es den russischen Soldaten in deutscher Gefangenschaft noch schlechter erging.
Schomeiesch Kurt war 4 Jahre in russischer Gefangenschaft. Das waren 4 Jahre Trennung von Frau und Kind, Hunger, Frieren, Krätze, Läuse, ... und die Angst, nie wieder nach Hause zu kommen.

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