Die Heimatvertriebenen - Wernges

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Die Heimatvertriebenen

Dorfleben ( bis 1960 ) > Erste Jahre nach dem Krieg

Vertreibung
Die meisten Vertriebenen in Wernges kamen aus der Umgebung von Tepl im Sudetenland. Zu ihnen gehörte auch Frau Seidler mit ihren Töchtern Erika, Marianne und Ingrid. Als junges Mädchen hat Erika Krieg und Vertreibung miterlebt.
Mit ihrer freundlichen Erlaubnis habe ich einen Teil ihres Berichtes, der etwa 40 Jahre nach der Vertreibung von ihr geschrieben wurde, in die Homepage gestellt.

Foto: Erika (Mitte) mit Werngeser Jugendlichen

Jetzt, nachdem so viele Jahre vergangen sind und ich schon 52 Jahre alt bin, habe ich mir gedacht, ich schreibe aus meiner Erinnerung noch auf, was ich weiß. Vieles sehe ich heute gemäßigter und vieles habe ich bestimmt auch schon vergessen. Ich möchte jedoch, wenn meine Enkelkinder einmal groß sind, daß sie diese Zeilen lesen und von einer Augenzeugin erfahren, wie das zum Kriegsende und mit der Vertreibung gewesen ist. Unser aller Leben, das meiner Mutter und meiner Geschwister, hat sich sehr dadurch verändert.
Mein Vater wurde zu Kriegsbeginn (März 1940) eingezogen und ist nicht mehr nach Hause gekommen. Ich kann mich noch erinnern, wie er das erste Mal eingerückt ist und wir haben ihn zum Zug gebracht. Diesen Tag konnte ich mein ganzes Leben lang nicht vergessen, als er zum Zugfenster hinausschaute und der Zug in Prosau abfuhr. Ich kann mich auch noch an die wenigen Urlaube erinnern und auch an seinen letzten Urlaub, meine Mutter und er gingen zum Bahnhof und wir (Marianne und ich) haben zum Fenster des Schlafzimmers hinaus nachgesehen.

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Ihren Heimatort hat Erika aus dem Gedächtnis skizziert.
Bei der Vertreibung war sie 12 Jahre alt. Die meisten Häuser gibt es heute nicht mehr.
(s. Google Earth
49°56'50'' N  12°49' 23''O)

nach Wernges kamen:
Heidl, Kahabka, Seidler,
Ingrisch, Täubl, Meier, Mies; s. u.

Weserau hatte 1945 20 Anwesen mit 100 Bewohnern; davon 10 größere Höfe und 10 kleinere Wirtschaften. Das Gesamtausmaß der Gemeinde Weserau betrug ca. 400 ha. Zuständiges Postamt war Tepl (Teplá), die nächstgelegene Bahnstation Prosau (Mrázov). Das Pfarramt und die zweiklassige Schule befanden sich im nahen Sankt Adalbert. St. Adalbert (Sv. Vojtech) bildete mit Weserau eine politische Gemeinde und war ca. 1km entfernt. Die Siedlung gibt es nicht mehr.

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Im Dezember (22.oder 23.12.1943) ist meine Oma in Weserau gestorben, sie lag über Weihnachten auf dem Totenbett. Mein Vater hätte Sonderurlaub bekommen können. Er nahm ihn aber nicht, weil er zur Geburt von Ingrid nach Hause kommen wollte, ... Aber ab Januar 1944 kam bei der deutschen Wehrmacht die totale Urlaubssperre und er kam niemals mehr nach Hause.
In 1943 oder Anfang 1944 bekamen wir auch ein russisches Mädchen zugeteilt zur Arbeit, sie hieß Lydia und wir Kinder mochten sie gerne. Sie war die erste Zeit sehr zornig, wenn sie in ihrem Zimmer war, weil sie sehr Heimweh hatte und hat geschrien und getobt, aber bei uns war sie dann wieder friedlich. Als nun der Amerikaner kam, ist sie von uns fort, wir haben niemals mehr etwas von ihr gehört. Sie stammte aus Odessa, hatte 2 Brüder im Krieg auf der anderen Seite der Front und ihre Eltern waren schon recht alt, sie hatte immer Angst, sie niemals mehr lebend zu sehen.

Im März 1944 wurde unsere Ingrid geboren. Der Schnee lag bis über die halben Schlafzimmerfenster noch hoch und wir wurden zu Täubels geschickt. Nachdem es mir zu lange dauerte, wollte ich mal zu Hause nachsehen und bin heim. Als ich in die Küche kam, war Ingrid gerade geboren und lag auf dem Eßtisch. Die Hebamme kam dann und hat sie gebadet und ich durfte schon zusehen.

Auch über die Juden kann ich Euch, meine Enkelkinder, etwas berichten. ...
Wenn ein Transport durch unser Dorf kam, durften die Dorfbewohner nicht auf die Straße gehen. Wir haben nachts immer zum Fenster hinausgeschaut, unsere Mutter und ich, und Mama sagte immer, diese armen Leute. Dann kamen sie tagsüber, die Leute konnten kaum noch laufen und sie wurden mit dem Gewehrkolben gestoßen von ihren Bewachern, die jedoch nicht zu den
(deutschen) Soldaten gehörten nach ihrer Uniform.
Einmal im Frühjahr 1945, es muß Anfang März gewesen sein, Lydia und ich beluden den Mistwagen, Mama war gerade auf das Feld mit einem Wagen gefahren, da kam auch wieder so ein langer, langer Zug durch das Dorf. Plötzlich geriet der Zug ins Stocken, warum weiß ich nicht, und die Leute setzten sich einfach auf die Straße, wo sie gerade standen. Lydia versuchte ein Gespräch mit ihnen und weil keine Bewacher zu sehen waren, gaben sie auch Antwort, es waren polnische Juden und hatten einen fürchterlichen Hunger und baten um Brot. Ich bin dann ins Haus gegangen, nachdem Lydia mir das gesagt hatte, und habe Brot geschnitten und es ihnen gegeben. Diesen Augenblick konnte ich mein ganzes Leben nicht vergessen: es war eine junge Frau, mehr noch ein junges Mädchen, sie weinte, als ich ihr das Brot gab und küsste mir die Hand, mir, einem Kind.
Einmal, es war noch Winter, ging in nach Prosau einkaufen, unterwegs mußte ich die Straße verlassen und in den Graben gehen (Anordnung vom Wachpersonal) und sie trieben vielleicht so 30 - 40 Juden oder auch weniger, als Kind verschätzt man sich da leicht, an mir vorüber, alle Juden in schwarzen Anzügen aber mit nackten Füßen. Tags darauf erfuhr ich dann, es waren Juden aus Theresienstadt. Einige Zeit danach wurden sie wieder in die andere Richtung, aus der sie gekommen waren, getrieben. Das habe ich auch gesehen.

Die Kriegsjahre habe ich in keiner schlechten Erinnerung. Von Kampfhandlungen haben wir bis auf die letzten Monate nichts mitbekommen. ... Bis dann der 1. Weihnachtstag 1944 kam. Wir waren gerade beim Mittagessen und hatten unser letztes Gänseessen in Weserau, danach gab es dann keine Gans mehr, als die Teller auf dem Tisch herumsprangen durch die Einschläge. In Tepl hatten sie 5 Bomben abgeworfen und die ersten Toten hatte es gegeben. Wir sind natürlich auf die Anhöhe hinter dem Dorf und haben nach Tepl geschaut, auch in den Tagen danach haben wir die Löcher und eingestürzten Häuser angeschaut. Ich glaube, da habe ich so die erste Angst bekommen. Aber es kam noch schlimmer. ...
Ab Januar kamen auch die ersten Flüchtlinge aus Schlesien bei uns durch. Sie hatten einen Wagen mit Pferden bespannt und ihre Sachen darauf geladen, sie flüchteten vor den Russen. Am Abend machten sie gerade da Halt, wo sie waren, und kamen in die Häuser. Wir legten abends unsere Küche mit Stroh aus und sie schliefen darauf. Am nächsten Tag zogen sie weiter. Einige Familien wurden vom Kriegsende bei uns überrascht, sie blieben dann bis Herbst 1945 im Dorf. In dieser Zeit hatten wir alle miteinander Läuse. Unsere Mutter hat uns bald jede Woche den Kopf mit Petroleum eingerieben, etwas anderes hatten wir nicht gegen die Läuse.
Der Winter 1944/45 war sehr streng, kalt und lang. Die Leute kamen mit ihren Pferden und Kindern über das Erzgebirge, aus Ungarn kamen welche, aus dem ganzen Balkan und sogar aus Rußland. Jede Nacht waren andere Leute da, den ganzen Tag über fuhren sie im Treck auf die bayerische Grenze zu, zwischendurch die Fahrzeuge der Wehrmacht. Meistens waren es nur Frauen, Kinder und ganz alte Leute.
Dann kam der Tag, an dem der Krieg vorbei war. Wir sollten zu Täubels in den Keller gehen, falls es zu Kampfhandlungen käme. Nach dem Mittagessen gingen wir dann auch zu unseren Nachbarn rüber und so gegen 16.00 Uhr am Nachmittag, sahen wir dann die ersten Jeeps der Amerikaner. Gott sei Dank waren wir nicht von den Russen besetzt worden. Die Amerikaner fuhren auf das Dorf zu und Frau Täubl riß ihr Bettuch aus dem Bett und schwenkte es zum Fenster hinaus. Meine Mutter hatte fürchterliche Angst, daß sie auf unser Haus schießen würden, weil doch niemand zu Hause war und keine weiße Fahne herausgehängt wurde, aber sie fuhren vorbei. Dann gingen wir wieder nach Hause und die ganze Besetzung war vorüber.
Am nächsten Tag läuteten in London und in Paris die Friedensglocken, der 2. Weltkrieg war vorbei.

Nach dem Zusammenbruch kamen die gefangenen Soldaten. Im Kloster
(Kloster bei Tepl - Klaster Tepla) hatten die Amerikaner die deutschen Soldaten eingesperrt und so viele hineingestopft, wie nur möglich. Ich hatte zu dieser Zeit gerade den Keuchhusten und der einzige Arzt weit und breit wohnte im Kloster. Durch den ersten Posten kamen wir hindurch, der zweite Posten schickte uns weg, wir durften nicht in das Kloster. Die Soldaten bekamen dort nichts zu essen.
Nach einigen Tagen räumten die Amis die Straßen frei von den liegengebliebenen Autos der deutschen Wehrmacht, sie ketteten die Autos zusammen und zogen sie mit ihren Lastwagen. In diesen Autos saßen dann die gefangenen deutschen Soldaten und bettelten ebenfalls um Brot. Ich habe damals das ganze Brot, das meine Mutter für uns gebacken hatte, verteilt, Mama hat mir dann verboten, noch welches wegzugeben, wir brauchten ja selber auch etwas.
Zwischen Haberkladrau und Weserau war ein großes Gefangenenlager auf der Wiese unter freien Himmel. Das müssen 2- 3.000 Soldaten gewesen sein. Ich bin immer in die Nähe hin und habe mir das angeschaut. Eines Tages (so nach 10 - 14 Tagen) waren alle Soldaten weg und die Leute erzählten sich, sie wurden den Russen übergeben. ... Viele sind auf den Weg nach Russland umgekommen.
Im Sommer 1945 und Herbst 1945 dann kamen die tschechischen Soldaten und machten Hausdurchsuchung, sie suchten nach Waffen. Die deutschen Menschen im Sudetenland mußten damals weiße Armbinden tragen. Sie hatten keine Rechte mehr, bekamen keine Lebensmittelkarten, hatten keinen polizeilichen Schutz, kurz und gut, sie waren vogelfrei. Die Tschechen, sie kamen im Herbst 1945, zu uns, konnten mit den Menschen machen und tun, was sie wollten. Unseren Nachbar (Würzler) haben sie beinahe totgeschlagen, nur weil seine Tochter über die Straße lief, zwei betrunkene Tschechen sie sahen und ihr nach sind. Sie klopften an die Türe und als ihr Vater aufmachte, schlugen sie ihn beinahe tot. Er konnte sich befreien und ist in den Wald gelaufen, kein Deutscher konnte ihm helfen. Sie haben auf die Menschen nachts geschossen, die sie auf der Straße antrafen, kein Deutscher durfte nach der Sperrstunde das Haus verlassen, auch nicht in einem Notfall.
Ich habe einmal in Prosau gesehen, wie sie einen Mann aus Weserau geschlagen haben und ihm die Zähne ausschlugen. Es war ein Soldat, der mit seiner Frau Unterschlupf in Weserau gefunden hatte.

Zu dieser Zeit war es schon durchgesickert, daß die Deutschen aus dem Sudetenland vertrieben werden sollten. In Spätsommer zogen auch die Amerikaner ab und die Tschechen übernahmen das Land danach. Und gleich danach fanden die ersten Hausbesetzungen durch die Tschechen statt. Sie hatten ihre ganzen Sachen in einem Karton und jeder suchte sich ein Haus aus, das ihm gefiel, nahm alles, was er wollte und die Deutschen durften sich nicht wehren. Es waren ja auch nur noch Frauen und Kinder da, ...
Und dann kam der Herbst 1945. Wir ackerten gerade noch den letzten Acker, da kam unsere Nachbarin gelaufen und sagte zu meiner Mutter: "Komme schnell nach Hause, sie räumen dir das ganze Haus aus!" Als wir nach Hause kamen, war der Kommissar (ein von den Tschechen eingesetzter Verwaltungsbeamter) mit seiner Dolmetscherin in unserem Haus. Ein Tscheche, der das Rohrer-Haus besetzt hatte, war dabei und suchte sich bei uns aus, was er haben wollte: Unsere 2 Kühe, die Ziege, das Schaf, die Hühner, Gänse, die Möbel, die Betten, die Wäsche, das Geschirr, alles, was ihm gefiel. Sie nahmen es mit und wir saßen im leeren Haus. Wir haben dann vom Boden die alten Sachen heruntergeholt, die wir noch hatten, und so gehaust. Unser Glück war nur, daß es diesen Tschechen in Weserau nicht gefiel und sie zogen weiter in ein anderes Dorf, dadurch bekamen wir unsere Sachen wieder und wir konnten unsere 50 kg, die wir bei der Aussiedlung mitnehmen konnten, schnell zusammenpacken.

Als nun der erste Tscheche, der unsere Sachen holte, weg war und der zweite kam, hatten wir wenigstens die Betten gepackt und die Wäsche, auch etwas Geschirr. Unsere Mutter verteidigte ihre Säcke und der Kommissar ließ sie ihr dann. Es hätte aber auch anders ausgehen können. Viele Deutsche mußte auch ohne die 50 kg fort, sie hatten nur die Kleider auf dem Leib.
Den Winter 1945 auf 1946 haben wir so mit unseren letzten Lebensmitteln überstanden. Da wir ja eine kleine Landwirtschaft hatten ... hatten wir auch noch Lebensmittel, vor allem Kartoffel und Mehl. Fleisch natürlich nicht mehr. Wir waren den Herbst in die Pilze gegangen, es gab damals Pilze, als hätte der liebe Gott sie uns geschickt, damit wir nicht verhungerten, und so trockneten wir die Steinpilze und im Winter gab es Kartoffelklöße und Steinpilzsoße. Nur keinen Zucker und kein Salz hatten wir dann am Schluß noch. ... Im Frühjahr 1946 haben wir im Kloster im Kuhstall Viehsirup geholt, nur um etwas Zucker zu haben.

Am 7. Mai 1946 wurden wir ausgesiedelt. Wir bekamen vom Kommissar einen Tag vorher Bescheid, daß wir am nächsten Tag ins Lager kämen. Am Morgen mußten wir dann unsere Sachen, die wir in Säcken verpackt hatten, vor die Haustür tragen und dann wurden die Säcke gewogen und unser Nachbar, der noch nicht von einem Tschechen besetzt war und noch seine Pferde hatte, hat uns dann ins Lager nach Tepl gefahren. Sie nahmen aus jedem Dorf nur einige Familien und zwar solche, bei denen der Tscheche schon im Haus war. Als wir gerade abfahren wollten, kam ein Zug aus Deutsch-Tomerschlag, es waren die Spanns und Heidls, Verwandte von unserer Mutter, die auch ins Lager kamen. Als wir aus Weserau hinausfuhren, haben in St. Adalbert die Glocken geläutet, ich höre sie heute noch, wenn ich daran denke.
Im Lager blieben wir eine Woche, glaube ich, wir wurden ärztlich untersucht und entlaust. Wir waren in Baracken untergebracht, alle Menschen in einem Raum, immer 2 Betten übereinander.
Dann wurden wir in Viehwaggons verladen, immer 40 Menschen und das Gepäck, die Waggons wurden zugemacht und der Zug setzte sich in Bewegung.
In Eger fuhr er über die Grenze. Dort hielt der Zug sehr lange Zeit, aber die Türen durften nicht aufgemacht werden. Nach der Grenze dann, als die Deutschen aus Bayern die Türen öffneten, haben die Aussiedler die weißen Armbinden, die sie noch trugen, auf die Schienen geworfen, es lag dort alles voll davon.
In Hof dann hielt der Zug längere Zeit, die Kranken wurden herausgeholt und Rote-Kreuz-Schwestern verteilten erstmals warmes Trinken und auch etwas Essen an die deutschen Aussiedler. Im Lager hatten wir so gut wie gar nichts bekommen und uns von dem, was wir mithatten, versorgt. Dann fuhren wir bis nach Hessen und in Lauterbach wurden wir aus dem Zug geholt und in die alte Turnhalle gebracht, andere in das Gymnasium. Nach einer Woche (nach ärztlicher Untersuchung) wurden wir dann auf die Dörfer und Städte des Landkreises Lauterbach verteilt.
Wir kamen nach Wernges. Zuerst mußten alle Männer und alle Frauen in die Schule kommen und dann wurden sie auf die einzelnen Häuser verteilt. Zu dieser Zeit war der Wohnraum bewirtschaftet und es war genau festgelegt, wieviel Wohnraum jeder Familie zustand. Was darüberhinaus vorhanden war, wurde an die Vertriebenen und auch an die Ausgebombten aus den Großstädten hier in Deutschland vergeben. Wenn nötig, erfolgte die Einweisung mit der Polizei.
Also, nun waren wir in Wernges. Familien mit Kindern wollte niemand haben, sie wollten, wie im Krieg, nur Leute, die auf den Feldern mitarbeiten konnten. Sie dachten, die Fremdarbeiter kommen jetzt nur aus dem Sudetenland. Frau Hufsky, ebenfalls eine Frau mit 2 Kindern und meine Mutter und wir, saßen abends noch allein in der Schule, uns wollte niemand haben. Der Bürgermeister Prediger hat uns dann in ein ganz altes Bauernhaus eingewiesen. …
Wir bekamen dort zwei ganz kleine Zimmer. Nach und nach schafften wir uns dann auch Möbel an, nachdem die Hausratshilfe kam, ein Programm der Bundesrepublik genannt Lastenausgleich. Mama bekam dann auch schon etwas Rente und es ging immer aufwärts mit uns. Wir gingen dann ab Mai 1946 auch wieder zur Schule in Wernges, der Schulunterricht war bei uns im Januar 1945 eingestellt worden und die ganze Zeit über sahen wir keine Schule.

Heimatvertriebene in Wernges
Zu den bereits untergebrachten Evakuierten kamen jetzt noch über 100 Vertriebene aus dem Sudetenland, Mähren und Schlesien. In unserer Gegend nannte man sie "Flüchtlinge", was nicht zutraf. Sie waren nicht geflohen, sondern wurden aus ihrer Heimat vertrieben.
Am 12. Februar 1946 kamen 1200 Sudetendeutsche in 40 Viehwaggons nach Lauterbach. Unter ihnen war auch der spätere Nobelpreisträger Peter Grünberg.
Zunächst waren sie in der dortigen Turnhalle untergebracht. Nach und nach wurden sie dann auf andere Ortschaften verteilt. Etwa 100 kamen nach Wernges und warteten im Schulhof auf ihre Zuweisung einer Unterkunft.
Die Organisation hatte der junge Schomeiesch Werner, neuer Werngeser Bürgermeister, durchzuführen. Auf Anordnung mussten nun in fast jedem Werngeser Haus in kürzester Zeit Zimmer für ihre Unterbringung geräumt werden. Keine gute Voraussetzung für einen freundlichen Empfang. Der fremdartige Dialekt und die andere Konfession – (Wernges war rein evangelisch und die meisten Vertriebenen katholisch.) – erschwerten anfangs das Zusammenleben noch zusätzlich.
Wir Kinder hatten damit keine Probleme. In meiner Grundschulklasse waren die "Werngeser" in der Minderheit (3 Werngeser, 3 Egerländer und 1 evakuierter Junge aus Frankfurt). Meine besten Freunde waren Gerdel und Anton aus dem Egerland.
Mit der Zeit lernten auch die Erwachsenen sich besser kennen und die ersten Freundschaften entstanden. Hiezu gehörten auch Fritze Erika und ihr Freund Sepp aus dem Egerland. Beide heirateten dann auch und wohnen jetzt in Lauterbach.


Anmerkung: Es gab einige Wohnungswechsel (mit 1., 2., 3. gekennzeichnet). Die Bewohner waren also nicht immer gleichzeitig in einem Haus untergebracht.

Sudeten  
 Mähren   Schlesien   evakuiert / ausgebombt

Baracke:
 
Gustav u. Gerda mit Roswitha u. Anita? /  Fam. Hermann mit Heinz / Fam. Kraus mit Hans, Johann  und Gerda 3. / Fam. Giebl mit Irmgard, Gerda u. Hermine 2.     
Bärrches:   
Fam. Heinrich mit Ilse, Herda, Adolph u. Hedi /
Anna Seidler mit Erika, Marianne u. Ingrid 2.             
Bauesch:   
Frau Czerwinka mit Franz              
Binges (Hein):
Ehepaar Luh              
Binges (Lina):
Müller (Stockmüller)/ Ehepaar Schneider             
Braunes:  
Fam. Zimmer mit Reingard, Ingrid u. Gerald / Ehepaar Frank / Wansky /      
Derres:   
Ehepaar Lotter / G. Plescher (Knecht)             
Egges:   
Frau Spann mit Sepp 1. / Fam. Wansky 2 Kinder           
Forsthaus:  
Ehepaar Ringmeier 2./              
Fritze Hein:   
Fam. Weber u. 2 Kinder, Oma Fahsnacht / Frau Helfenbein u. 2. Töchter / Frau Kraus mit Hans und Gerda 1. / Frau Hufsky mit Rainer und Gerdel 2. / Fam. Spann mit Sepp (Josef) 4.          
Fritzes (Duwe Fritz):
Frau Kraus mit Hans und Gerda 2. / Fam. Schweißgut mit 5 Kindern Peter      
Gemeihus:

Fam. Berthold mit Usch, Willi u. Wolf 2.
/ Fam. König mit Gerhard, Gerlinde, Heinz, Irene u. Edith 3. /             
Heiches:   
Fam. Ringmeier mit Hartmut u. Reiner 3.              
Jahns:   
Ehepaar Ingrisch / Frau Mies mit Marianne 1. / Fam. Zimmer mit Hilde      
Kehlesch:
Frau Gleis (Heiches Bärrche) mit Horst u. Ursula / Fam. König mit Gerhard, Gerlinde, Heinz, Irene u.Edith 2. / Fam. Schneider mit 2 Töchtern         
Keßches:
Wendelin u. Therese Schneider /  Anton Brandl / Anton u. Hermine Heidler 1./ Fam.Paschke mit 2 Töchtern           
Klingels:  
Frau Spann mit Sepp 2.             
Krugges:
Frau Seidler mit Erika, Marianne u. Ingrid 1.            
Krugs:   
Fam. Hurdes mit Lois (Alois) 1.              
Krugs Bärr:  
Bortonek u. Ernestine / Fam. Kahabka mit Gerda, Gerhard u. Franz       
Kures:   
Frau David mit Elfriede u. Tante Marili              
Lehrerhaus:
Fam. Ingrisch mit Karl u. Theo? / Elisab. Zimmer mit Mutter / Klinger u. Fine Mutter u. Tante v. Frau Hufsky / Fam. Berthold mit Usch, Willi u. Wolf 3.       
Meddches:

Fam. Raubach mit Monika, Hannelore u. Walter
/ Frau Maul mit Alfred u. Dieter     
Meschrods:
Frau Mayer 2. / Frau Berthold mit Willi und Wolf 1./           
Ochses:
Wendelin Seidler (Knecht)/
Frau Fischer mit Franz u. Anna          
Pedesch:
Frau Mayer mit Sohn Franz 1. / Frau König mit Sohn Gerhard 1.         
Predchesch:
Fam. Kahabka mit Gerda, Gerhard u. Franz 1./            
Schmeedches:
Frau Dahmer / Frau Schuy / Frau Hausmann / Frau Sievers mit Angela / Frau Ahrens mit Therese / Turba mit 2 Kindern 2. / Fam. Hurdes mit Alois 2.    
Schnieresch:
Fam. Spann mit Sepp 3. / Frau Turba mit 2 Kindern 1.           
Schomeiesch:
Fam. Giebl mit Irmgard, Gerda u. Hermine 1.           
Schrienesch (Hein):
Frau Schacht mit Zwillingstöchter /
Fam. Mies mit Marianne         
Schrienesch Bernharsberg:
Frau Diener mit Horst und Anton / Fam. Luh mit 4 Kindern       
Sippels:
Ehepaar Ringmeier 1. / Frau Schellenberger            
Stezes:
Fam. Täupl mit Erich u. Oma              
Stöpplesch:
Fam. Heidler, Tochter u. Rudi, Enkel Margit            
Wödds:
Frau Lang u. Schwager              
Zimmer:
Frau Hufsky mit Rainer und Gerdel 1. / Berberich mit 2 Enkelkindern        

Eine kulturelle Bereicherung brachte der Zuzug in jedem Fall. Musik und Theater waren nicht gerade eine Stärke der Werngeser. Das änderte sich jetzt. Ein Kulturverein und Musikgruppen wurden gegründet und die Werngeser machten mit.
Auch manche Speisen wurden übernommen. Bei meinem Freund Gerdel lernte ich z. B. Mohnkuchen und Pilzgerichte (Schwammerl) kennen und schätzen.

1 Frau Täubl  2Frau Diener  3 Frau Schneider 4 u. 5 Ehepaar Spann 6 u. 7 Ehepaar Trautvetter 8 Frau Mies 9 Frau Seidler 10 Diener-Anton 11 Täupl-Erich 12 Diener-Horst 13 Schneider-Christa 14 Mies-Marianne   15 Seidler-Marianne 16 Seidler-Ingrid 17 Schnieresch Elfriede 18 Schrienesch Anni 19 Möllesch Elke

 

Kindermusikgruppe mit Leiter Spann, seiner Ehefrau, Müttern und Lehrerehepaar

 
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